Dein Arzt sagt, du sollst abnehmen - und der Diätfrust beginnt schon wieder?
- 9. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Oft wird bei Mehrgewicht ABNEHMEN empfohlen und manche Ärztinnen & Ärzte haben vielleicht selbst die Erfahrung gemacht, dass "ABNEHMEN" nicht schwer ist - einfach mal ein oder zwei Tage wenig essen und schon ist ein Kilo unten.
Nur bezieht sich das eher auf schlanke Menschen, die wenig Reserven haben. Ja, es gibt Menschen, die schnell ein paar Kilos verlieren können (ob das gut ist, diese Strategie, ist eine andere Sache)
Bei mehrgewichtigen Menschen geht das meist nicht so schnell - kennst Du vielleicht auch: Du bist krank und kannst 3 - 4 Tage nichts essen, trotzdem bleibt dein Gewicht auf dem gleichen Stand.
Der Stoffwechsel arbeitet bei Mehrgewichtigen anders und braucht auch eine andere Vorgehensweise!
Zum Thema Stoffwechsel hat meine tolle Kollegin Isabel Bersenkowitsch einen ausführlichen Blog-Artikel geschrieben, falls Du hier tiefer einsteigen willst:
Warum ich von Mehrgewicht und nicht von Übergewicht spreche?
Weil das Wort "Übergewicht" in der Bevölkerung und auch im Gesundheitswesen oft negativ besetzt ist.
In dieser Gesellschaft als dicker Mensch zu leben, bedeutet häufig Mobbing, ständige Grenzüberschreitungen, vielfältige Gewalterfahrungen und Diskriminierung. All dies erzeugt chronischen Stress, der das gesamte System belastet und sich zwangsläufig auch in metabolischen Werten widerspiegelt.
Erhöhte Stressmarker im Blut, eine Emotionsregulation durch Essen sowie eine Dysbalance der Hunger- und Sättigungs-Hormone sind nicht den betroffenen Menschen anzulasten. Das gewichtszentrierte System selbst trägt die Verantwortung dafür, auch wenn Gewichts-Diskriminierung oft mit gesundheitlichen Argumenten gerechtfertigt wird.
Viele Menschen setzen dadurch ihre Hoffnung auf Diäten, um ein vermeintlich besseres Leben zu erreichen. Selbst Ärztinnen und Ärzte verschreiben oft gesundheitsschädliche Ernährungsweisen (low carb, low fett, FDH, Intervallfasten usw.) , die zwar kurzfristig Erfolge erzielen können, langfristig jedoch großen Schaden anrichten, zum Beispiel durch das sogenannte „Weight Cycling“.
Was heißt das genau?
Darunter versteht man ein stark schwankendes Gewicht über die Jahre - also der frühere "Jojo-Effekt" nach Diäten. Anhand von einigen Studien wurde festgestellt, dass ein schwankendes Gewicht einen höheren Risikofaktor für die Gesundheit darstellt als ein gleichbleibendes höheres Gewicht.
Matheson et al. zeigten in ihrer Studie von 2012, dass sich die Gesundheit durch gesundheitsförderndes Verhalten allein verbessern lässt – unabhängig vom BMI. Diese Erkenntnis ist bedeutsam, da die Abnehmkultur und Diätindustrie häufig Gesundheit als Verkaufsargument in den Vordergrund stellen.
Kontrolle beim Essen und Einschränkungen haben aber rein gar nichts mit Gesundheit zu tun!
Das wegweisende Konzept Health At Every Size® (HAES) betrachtet Körperdiversität als natürlichen Bestandteil der menschlichen Existenz. Der Ansatz betont, dass Gesundheit – und nicht bloß ein Zustand des Gesundseins – unabhängig von der Körpergröße oder dem Gewicht möglich ist.
Ein ausführlicher, toller Artikel auch hier bei meiner lieben Kollegin Andrea Zarfl dazu:
Die Vielzahl verschiedener Meinungen zum Thema Abnehmen zeigt deutlich, dass keine dieser Ansätze wirklich nachhaltig funktioniert. Energie- und Nährstoffmangel führt zu Überessen und Kontrollverlust. Strenge Regeln führen zu denselben Folgen.
Das Schwarz-Weiß-Denken, als gäbe es nur einen einzigen wahren Weg verstärkt ebenfalls das Problem. Wiederholte Fehlschläge senken das Selbstwertgefühl und begünstigen emotionales Essen. Das alles liegt nicht an den betroffenen Menschen selbst, sondern ist ein Resultat unseres gewichtszentrierten Systems.
Erstaunlich finde ich aber, dass wir im Gesundheitswesen trotzdem an diesem gewichtszentrierten Ansatz festhalten - zumindest die Meisten von uns. Es zeigt eindeutig, dass hier ein Denkfehler drinsteckt und trotzdem gehen wir weiter in diese Richtung. Warum?
Viele mehrgewichtige Menschen erfahren oft, dass ihr Zustand vorschnell beurteilt wird. Ihre Beschwerden werden nicht ernst genommen, weil alles pauschal auf ihr Körpergewicht zurückgeführt wird. Dies führt letztlich zu einer unzureichenden medizinischen Versorgung - wer möchte schon zum Arzt, wenn dieser nur immer wieder vom Abnehmen spricht, als wäre es die alleinige Lösung. Ohne eine angemessene Behandlung wird jedoch eine der zentralen Voraussetzungen für Gesundheit und Wohlbefinden stark eingeschränkt.
Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Ärztinnen und Ärzte gewichtsneutral arbeiten würden und den Menschen im Ganzen sehen! Außerdem würde ich mir wünschen, dass gewichtsneutral arbeitende Diätologinnen und Diätologen viel mehr mit im Boot wären!
Gesundheit ist mehr als nur Optik und Gewicht - hören wir auf vorschnell zu urteilen und nehmen wir uns Zeit richtig hinzuschauen!




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